Gelesen: Lisa Brönnimann – Niemandskinder

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Verdingt und verachtet. Meine Kindheit in der Schweiz

Buchtitel Niemandskinder

Klappentext:

Seit sich Lisa erinnern kann, wird sie zwischen verschiedenen Pflegestellen hin und her geschoben. Mit fünf Jahren kommt sie zu einer Pflegemutter, die sie und die anderen Kinder unbarmherzig quält. Sie prügelt, ertränkt ihre Opfer fast in kaltem Wasser oder sperrt sie tagelang in eine finstere Kammer. Es ist eine harte Kindheit voller Arbeit und Entbehrungen – und das in den 1970er-Jahren in der Schweiz.
Dahinter steht ein politischer Skandal: Bis 1981 ordneten die Schweizer Behörden „fürsorgerische Zwangsmaßnahmen“ an. Arme und uneheliche Kinder oder Waisen wurden in Heimen und Pflegefamilien untergebracht und mussten dort als „Verdingkinder“ arbeiten. Lisa Brönnimanns Schicksal steht stellvertretend für Tausende Betroffene.

Krasses Buch. Lisa Brönnimann erzählt von ihrer Kindheit in der Schweiz. Sie ist gerade mal 15 Jahre älter als ich, mein Großer ist jetzt so alt wie sie zum Beginn ihrer Erinnerungen. Die meiste Zeit in Lisa Brönnimanns Kindheit und Jugend ist die nächste Station schlimmer als die vorhergehende.

Berichte über Misshandlungen und Missbrauch von Kindern schockieren mich immer, aber oft handelt es sich um sadistische Einzeltäter. Natürlich gab und gibt es auch institutionellen Missbrauch (katholische Kirche, Internate) und Misshandlungen (Erziehungsheime von Staat oder Kirche in den 50er und 60er Jahren), aber dort eben oft in recht geschlossenen Systemen. Bei Lisa Brönnimanns Geschichte hat man aber den Eindruck, dass hier annähernd ein ganzes Land wegsieht, nicht wahrhaben will oder aktiv mit macht. Ich bin fassungslos, dass so etwas vor so kurzer Zeit mitten in Europa noch möglich war (erst Ende der 70er Jahre kommt erstmals von staatlicher Seite der Begriff des Kindeswohls ins Spiel). Und ich bin zutiefst beeindruckt, dass die Autorin trotz dieser Kindheit ihr Leben irgendwann ganz gut in den Griff bekommen hat.

Die Autorin erzählt ihre Geschichte relativ sachlich, aber sehr authentisch. Viele Erlebnisse berichtet sie aus der Perspektive ihres jeweiligen 5-, 7- oder 10-jährigen Ichs, dazwischen ordnet sie Erlebnisse aus der wissenden Erwachsenenperspektive ein. Es gibt ein paar Wiederholungen, die einen ansatzweise verstehen lassen, was ihr geholfen hat durchzuhalten.

Insgesamt also alles andere als Wohlfühllektüre und trotzdem ein Buch, das ich sehr lesenswert finde. Auch, weil es meinen Horizont erweitert hat. Oft kann ja nicht sein, was nicht sein darf oder was unvorstellbar ist. Um so wichtiger, dass Betroffene von ihren Erlebnissen erzählen, so dass es schwerer wird, wegzuschauen.

Lisa Brönnimann
Niemandskinder
Verdingt und verachtet. Meine Kindheit in der Schweiz
Verlag: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-404-60951-2

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